Carlos (2010)
Regie: Olivier Assayas; Drehbuch: Assayas, Dan Franck; Kamera: Denis Lenoir, Yorick Le Saux; Musik: New Order, Robert Fripp & Brian Eno, The Wire, The Dead Boys, Los Lobos u.a.; Darsteller: Édgar Ramírez, Nora von Waldstätten, Alexander Scheer, Christoph Bach, Julia Hummer, Ahmad Kaabour, Rodney El-Haddad. Farbe, 331 min (Directors Cut) + 187 min (Kinofassung)
Ilich Ramírez Sánchez, genannt Carlos, war rund zwei Dekaden lang ein Superstar des internationalen Terrorismus. Wie alle
Pop-Ikonen erfand er sich immer wieder aufs Neue, ließ die Vorstellungskraft der Mittelschicht blühen, deren Medien jahrein,
jahraus heißliefen mit seinen Aktionen - nette Kleinbürgerburschen aus dem bible belt träumten davon, eines Tages so zu sein wie er. Dass er dabei politisch immer weiter vom Weg abkam, sich am Ende im Unterholz
des Diktatorendschungels wiederfand, wirkte nebensächlich - sein bewaffnetes Engagement wurde von den meisten nur zynisch
als Pose wahrgenommen. Assayas erzählt dieses Leben in rund fünfeinhalb Stunden reinen Kinos zwischen realistischer Alltagsbeschreibung
und versonnen-hintersinnigem 1970s-Euro-Thriller, mondänen Details und einem immer rareren Mut zum Mythos. Ein Schlüsselfilm
für eine ganze Generation, den man gut nach Balzac Die verlorenen Illusionen hätte nennen können. (R.H.)



