Das Heim kehren
Elfriede Jelinek, Paula Wessely und das beschmutzte Nest

Weg in die Vergangenheit 1954, Karl Hartl
29. April bis 1. Mai 2017

Wien, 1941. Dort beginnt Elfriede Jelineks Bühnenstück Burgtheater (1985). Es bildet den "abwesenden Horizont" für diese Film- und Vortragsreihe – abwesend wie vor 30 Jahren, als es einen lange nachwirkenden Medienskandal auslöste: das nahezu unaufgeführte Stück als Instant-Klassiker der österreichischen Literatur. Ironisch, in der Maske des Reaktionärs, referierte der Zeit-Kritiker Benjamin Henrichs damals den Kern der Sache: "Ein eindeutig anti-österreichisches Machwerk, verfasst (wie könnte es anders sein) von einer eindeutig österreichischen Autorin. ... Es führt vor (nein: es hetzt gegen) eine vom ganzen österreichischen Volk geliebte Burgtheaterfamilie. Mutter Käthe, Vater Istvan, Bruder Schorsch, dazu das entsetzliche Dreimäderlhaus der Töchter Mitzi, Mausi und Putzi – jeder in Wien, und nicht nur in Wien, weiß natürlich, wer da gemeint ist."

Für jene, die es nicht mehr wissen: Mit der Figur der Mutter Käthe wurde vielfach Paula Wessely (1907–2000) assoziiert. Ihre Kinoarbeiten zählten in den 1930er, 40er und 50er Jahren kontinuierlich zu den Großfilmen der ständestaatlichen, nationalsozialistischen und nachkriegsösterreichischen Filmindustrie. Mit Maskerade (1934), Heimkehr (1941) und Der Weg in die Vergangenheit (1954) ruft das Programm diese Formationen und "Mutter Käthes" Platz darin auf. Gleichzeitig gab es in Österreich aber auch Wege aus der Vergangenheit – Filme, Bücher, Kunstwerke, die das heimatliche Nest anders "auskehrten" oder "beschmutzten" (je nach Lesart) und in deren Tradition Jelinek steht. Filme etwa, die schon in den 50er Jahren – um Marc Adrian zu zitieren – "entgegengesetzte Lebensgefühle" artikulierten: "Wir kannten damals die Paula-Wessely-Filme und diesen ganzen Schmus." Und solche aus den 70er Jahren, Ein drittes Reich von Alfred Kaiser und Staatsoperette von Franz Novotny und Otto M. Zykan, die sich früh der De(kon)struktion widmeten.

"Die Gefühle aller anständigen Menschen", so Benjamin Henrichs 1985, sind "zutiefst verletzt". Auch bei manchen Wessely-Filmen kam und kommt es im Publikum zu solchen Erfahrungen. Es soll nichts Schlimmeres geschehen. Man will ja zeitweise, um anständig zu bleiben, über die Gefühle hinaus.

Das dreitägige Projekt findet in Kooperation mit der Forschungsplattform Elfriede Jelinek der Universität Wien statt. Vorträge von Gertrud Koch, Sabine Perthold und Bernhard Groß bilden jeweils den Programmauftakt.