1964 | 2014

Projekte zum 50-Jahr-Jubiläum des Österreichischen Filmmuseums

Lachende Körper - Exzentrische Gesten: Komikerinnen und Diven im Kino der 1910er Jahre

Das Eskimobaby, 1916, Walter Schmidthässler

8. bis 24. Juni 2007

 
Die Wiederentdeckung des frühen Kinos in den vergangenen Jahren verdankt sich nicht nur der verstärkten Restaurierungsarbeit von Filmmuseen und Archiven, sondern auch einer lustvollen Einsicht von Filmhistoriker/innen und Publikum: Es handelt sich bei den Filmen der Jahre 1905 bis 1918 ganz und gar nicht um „primitive Vorläufer“, sondern um ein eigenständiges, stilistisch prägnantes und emotional sehr direktes „anderes Kino“. Frauen spielten dabei - sowohl auf der Leinwand wie im Publikum - eine prominente Rolle: Die Komikerinnen und Diven der 1910er Jahre verlockten mit Ausschweifungen, Eleganz und Anarchie. Ihnen ist dieses Programm gewidmet.
 
Die Schau, kuratiert von Claudia Preschl und Katja Wiederspahn, umfasst rund 40 Filme aus Frankreich, Deutschland, Dänemark, Italien, Großbritannien und den USA. Begleitend dazu wird ein reichhaltiges und hochkarätig besetztes Rahmenprogramm angeboten.
 
In den kurzen Serien- und Lustspielfilmen vor und während des Ersten Weltkriegs wird in verschiedenen Ländern eine spezielle, groteske Körperkomik sichtbar, die in Maskeraden und mimisch-gestischen Inszenierungen erlebbar wird. Dabei handelt es sich stets um Alltagsgeschichten, die mit erstaunlich viel Körper- und Materialeinsatz erzählt werden: In Verrenkungen, Ausbrüchen, Attacken auf andere Körper oder im Zerstören ganzer Hauseinrichtungen repräsentieren die französischen „Rosalie“- und „Léontine“-Filme oder die italienischen Serien mit „Lea“ und „Gigetta“ auch die prekären Geschlechterverhältnisse und sozialpolitischen Umwälzungen dieser Ära. In Deutschland agieren Asta Nielsen, Ossi Oswalda und Dorrit Weixler in ihren Filmen hinreißend als rebellische junge „Backfische“.
 
Die Schauspielerinnen fungieren hier als subversive Erzählerinnen: Sie führen dem Publikum die Thematik der weiblichen Pubertät im Verhältnis zu Autoritätspersonen vor Augen, aber auch das sexuell Anzügliche, das Nicht-Angepasste, das Hässliche. Zu einer Zeit, in der ein stark körperbezogener Ausdruck von Frauen vor allem in bürgerlichen Kreisen keineswegs gesellschaftsfähig war, gewinnt das „Backfisch-Genre“ subversiven Charakter. Alle diese Darstellerinnen verstehen es vorzüglich, über das Lachen ihre Verbündeten im Publikum zu finden.
 
Als Kontrapunkt zu den Komikerinnen präsentiert die Schau Meisterwerke aus dem italienischen Diven-Kino der 1910er Jahre. Lyda Borelli („Göttin der Verwandlung“), Francesca Bertini („Göttin der Leidenschaft“) und Pina Menichelli („Göttin der Widersprüche“) brachten ihre je eigenen, unverwechselbaren Schauspielstile hervor. Sie glänzen durch Anmut und hohe Expressivität und erzeugen mit ihrer eigenwilligen Körpersprache unvergessliche Bilder von erotischer Entfesselung und Ekstase. Es ist nicht nur die reale Person der Diva, sondern auch ihr Imago (ganz in der Tradition ihrer älteren „Schwester“ in der Oper), die den Divenfilm zum Genrekino machen - zu frühen Beispielen des Filmmelodramas.
 
Die oftmals atemberaubende Inszenierung dieser Filme verdankt sich auch der Verwendung natürlicher Lichtquellen und dem Einsatz überaus differenzierter Kameraperspektiven. Die Diven nahmen sich selbstbewusst die ganze Freiheit, die der frühe Film geboten hat, um sich als liebende, leidende und um ihr Glück ringende Wesen zu entwerfen - im opulenten, opernhaften Ausstattungsfilm (der italienische Adel ließ sich die Selbst-Repräsentation im Kino einiges kosten) ebenso wie in überraschend „modernen“, im Arbeiter/innenmilieu angesiedelten Dramen. Filme wie Tigre reale, Malombra oder Fior di male artikulieren schon im Titel die Leidenschaft, die hier Bahn bricht.
 
Angela Dalle Vacche, Eric de Kuyper, Karola Gramann, Mariann Lewinsky Sträuli, Siegfried Mattl, Claudia Preschl, Heide Schlüpmann, Elisabeth Streit, Werner Michael Schwarz und Katja Wiederspahn werden in Vorträgen, Workshops und Einführungen weitere Aspekte vorstellen und vertiefen.
 
Wir freuen uns, in sämtlichen Programmen neu restaurierte Filmkopien zeigen zu können. Besonderer Dank an das Nederlands Filmmuseum und die Cineteca del Comune di Bologna.
 
Eine gemeinsame Veranstaltung des Filmmuseums mit SYNEMA, den Wiener Festwochen und der Universität für Musik und darstellende Kunst (IKM).

Programm: