Lachende Körper - Exzentrische Gesten: Komikerinnen und Diven im Kino der 1910er Jahre

8. bis 24. Juni 2007
Die Wiederentdeckung des frühen Kinos in den vergangenen Jahren verdankt sich nicht nur der verstärkten Restaurierungsarbeit
von Filmmuseen und Archiven, sondern auch einer lustvollen Einsicht von Filmhistoriker/innen und Publikum: Es handelt sich
bei den Filmen der Jahre 1905 bis 1918 ganz und gar nicht um primitive Vorläufer, sondern um ein eigenständiges,
stilistisch prägnantes und emotional sehr direktes anderes Kino. Frauen spielten dabei - sowohl auf der Leinwand
wie im Publikum - eine prominente Rolle: Die Komikerinnen und Diven der 1910er Jahre verlockten mit Ausschweifungen,
Eleganz und Anarchie. Ihnen ist dieses Programm gewidmet.
Die Schau, kuratiert von Claudia Preschl und Katja Wiederspahn, umfasst rund 40 Filme aus Frankreich, Deutschland, Dänemark,
Italien, Großbritannien und den USA. Begleitend dazu wird ein reichhaltiges und hochkarätig besetztes Rahmenprogramm angeboten.
In den kurzen Serien- und Lustspielfilmen vor und während des Ersten Weltkriegs wird in verschiedenen Ländern eine spezielle,
groteske Körperkomik sichtbar, die in Maskeraden und mimisch-gestischen Inszenierungen erlebbar wird. Dabei handelt es sich
stets um Alltagsgeschichten, die mit erstaunlich viel Körper- und Materialeinsatz erzählt werden: In Verrenkungen, Ausbrüchen,
Attacken auf andere Körper oder im Zerstören ganzer Hauseinrichtungen repräsentieren die französischen Rosalie-
und Léontine-Filme oder die italienischen Serien mit Lea und Gigetta auch die prekären
Geschlechterverhältnisse und sozialpolitischen Umwälzungen dieser Ära. In Deutschland agieren Asta Nielsen, Ossi Oswalda und
Dorrit Weixler in ihren Filmen hinreißend als rebellische junge Backfische.
Die Schauspielerinnen fungieren hier als subversive Erzählerinnen: Sie führen dem Publikum die Thematik der weiblichen Pubertät
im Verhältnis zu Autoritätspersonen vor Augen, aber auch das sexuell Anzügliche, das Nicht-Angepasste, das Hässliche. Zu einer
Zeit, in der ein stark körperbezogener Ausdruck von Frauen vor allem in bürgerlichen Kreisen keineswegs gesellschaftsfähig
war, gewinnt das Backfisch-Genre subversiven Charakter. Alle diese Darstellerinnen verstehen es vorzüglich, über
das Lachen ihre Verbündeten im Publikum zu finden.
Als Kontrapunkt zu den Komikerinnen präsentiert die Schau Meisterwerke aus dem italienischen Diven-Kino der 1910er Jahre.
Lyda Borelli (Göttin der Verwandlung), Francesca Bertini (Göttin der Leidenschaft) und Pina Menichelli
(Göttin der Widersprüche) brachten ihre je eigenen, unverwechselbaren Schauspielstile hervor. Sie glänzen durch
Anmut und hohe Expressivität und erzeugen mit ihrer eigenwilligen Körpersprache unvergessliche Bilder von erotischer Entfesselung
und Ekstase. Es ist nicht nur die reale Person der Diva, sondern auch ihr Imago (ganz in der Tradition ihrer älteren Schwester
in der Oper), die den Divenfilm zum Genrekino machen - zu frühen Beispielen des Filmmelodramas.
Die oftmals atemberaubende Inszenierung dieser Filme verdankt sich auch der Verwendung natürlicher Lichtquellen und dem Einsatz
überaus differenzierter Kameraperspektiven. Die Diven nahmen sich selbstbewusst die ganze Freiheit, die der frühe Film geboten
hat, um sich als liebende, leidende und um ihr Glück ringende Wesen zu entwerfen - im opulenten, opernhaften Ausstattungsfilm
(der italienische Adel ließ sich die Selbst-Repräsentation im Kino einiges kosten) ebenso wie in überraschend modernen,
im Arbeiter/innenmilieu angesiedelten Dramen. Filme wie Tigre reale, Malombra oder Fior di male artikulieren schon im Titel die Leidenschaft, die hier Bahn bricht.
Angela Dalle Vacche, Eric de Kuyper, Karola Gramann, Mariann Lewinsky Sträuli, Siegfried Mattl, Claudia Preschl, Heide Schlüpmann,
Elisabeth Streit, Werner Michael Schwarz und Katja Wiederspahn werden in Vorträgen, Workshops und Einführungen weitere Aspekte
vorstellen und vertiefen.
Wir freuen uns, in sämtlichen Programmen neu restaurierte Filmkopien zeigen zu können. Besonderer Dank an das Nederlands Filmmuseum
und die Cineteca del Comune di Bologna.
Eine gemeinsame Veranstaltung des Filmmuseums mit SYNEMA, den Wiener Festwochen und der Universität für Musik und darstellende
Kunst (IKM).
Programm:
- Abschlussdiskussion
- Afgrunden (Der Abgrund) (1910)
- Arbeitsleben und Partys
- Assunta Spina (1915)
- Asta Nielsen: Die erste Filmprimadonna
- Aus eines Mannes Mädchenzeit (1912)
- Cest la faute à Rosalie (1912)
- Daisy Doodads Dial (1914)
- Das Eskimobaby (1916)
- Das Liebes-ABC (1916)
- Das Mädchen ohne Vaterland (1912)
- Das rosa Pantöffelchen (1913)
- Der fremde Vogel (1911)
- Der Sieg des Hosenrocks (1911)
- Der Steckbrief (1913)
- Die Filmprimadonna (1913)
- Die Katastrophe der Titanic (1912)
- Engelein (1914)
- Escape on the Fast Freight (1915)
- Fior di male (1915)
- Fräulein Piccolo (1914)
- Ich möchte kein Mann sein (1918)
- Körperkomik par excellence
- Kurz und klein
- La Principessa (1917)
- Le Bateau de Léontine (1911)
- Lea si diverte (1912)
- Léontine garde la maison (1912)
- Little Moritz demande Rosalie en mariage (1911)
- Little Moritz épouse Rosalie (1911)
- Madame Babylas aime les animaux (1911)
- Malombra (1917)
- Rosalie et Léontine vont au théâtre (1911)
- Rosalie et ses meubles fidèles (1911)
- Rosalie na pas le choléra (1912)
- Sangue bleu (1914)
- Sensationen, Attraktionen, Detektivgeschichten
- Stenographer Troubles (1913)
- Subversion und Geschlecht
- Tigre reale (1916)
- Tillys Party (1911)
- Tilly Bébé. Die berühmte Löwenbändigerin (1908)
- Tilly the tomboy visits the poor (1910)
- Vordertreppe und Hintertreppe (1914)
- Vortrag Angela Dalle Vacche: What Is a Diva and What Is a Diva Film?
- Vortrag Elisabeth Streit: Filmbusiness is Female - Asta Nielsen, Produzentin und Schauspielerin in Wien.
- Vortrag Heide Schlüpmann: Hinterteil und Vordertreppe. Zum Queer-Appeal der Asta Nielsen.
- Vortrag Siegfried Mattl: Vom Staunen zum Verlachen. Körper, Grotesken und Humor in Wien vor 1914.
- Vortrag Werner Michael Schwarz: Die Ordnung des Wiener Kinos in den frühen 1910er-Jahren.
- Vorträge, Sonntag, 24. Juni 2007
- Wenn vier dasselbe tun (1917)
- Workshop Eric de Kuyper: Wie komisch kann eine 'comédienne' eigentlich sein?
- Workshop Karola Gramann: Die Versuchskaninchen.
- Workshop Mariann Lewinsky Sträuli: Athletisch und gut gelaunt. Entdeckungen im Film um 1905.



