David Lean

Lawrence of Arabia
11. Februar bis 4. März 2009
 

Der erste Schwerpunkt im Februar-Programm des Filmmuseums gilt dem 1991 verstorbenen britischen Regisseur Sir David Lean. Mit Filmen wie Lawrence of Arabia oder Doctor Zhivago hat sich Lean als Meister der Kino-Epik verewigt, doch spätestens seit den zahlreichen Hommagen aus Anlass seines 100. Geburtstages wird auch seinem Frühwerk große Aufmerksamkeit zuteil; aus heutiger Sicht zählen einige dieser subtilen Kammerspiele und Literaturverfilmungen zu Leans bedeutendsten Werken.

 

David Lean war stets ein „directors’ director“. Regiekollegen von Billy Wilder bis Wong Kar-wai ­haben Lean, auch in ihrer Arbeit, immer wieder Tribut gezollt; beim ­Publikum war er ohnehin ungebrochen populär. In seltsam irritieren­dem Gegensatz dazu stand und steht teilweise bis heute die Geringschätzung Leans durch einen Teil der Kritik. Ihr gilt er manchmal als solider Konfektionär, als Produzent anonymer Meterware, als „coldly impersonal“ (Andrew Sarris). Nichts könnte verfehlter sein.

 

In der Tat beschreiben solche Begriffe, wenn überhaupt, dann eher Carol Reed, Leans damaligen Rivalen um den Titel „Great British Film Director“, während Lean – vom Sonderfall Powell/Press­burger einmal abgesehen – als nahezu einziger englischer Regisseur der klassischen Ära die Kriterien eines auteur erfüllt. Sicher, Lean hat zumeist auf literarische Vorlagen zurückgegriffen, doch ­seine insgesamt nur sechzehn Spielfilme sind in einer Mischung aus emotionalem drive und kühler, perfektionistischer Kontrolle inszeniert, die im narrativen Kino kaum ihresgleichen hat. Im immer neu variierten Thema der faszinierenden Verstörung durch das Fremde (Sexualität, Ortsveränderung, außereuropäische Kulturen) schlägt sein Werk überdies so etwas wie einen leitmotivischen Grundton an.

 

David Lean wurde am 25. März 1908 im Londoner Vorort Croydon als Sohn eines gutbürgerlichen Wirtschaftsprüfers geboren. Bis zum Alter von 17 Jahren durfte Lean als Quäker keinen Kinosaal betreten; dessen ungeachtet hatte er mit 14 eine Schmalfilmkamera geschenkt bekommen – eine frühe Schule des Sehens, die sich in legendären Bildkompositionen niederschlagen sollte. Seinen kaum weniger gerühmten Sinn für präzise Montagen schärfte Lean, als er 19jährig in den Studios der British Gaumont als Laufbursche begann und bald zum gesuchten Cutter aufstieg. Er montierte Michael Powells Kriegsdrama The 49th Parallel, half Anthony Asquith unge­nannt bei der Regie seiner Shaw-Verfilmung Pygmalion und wurde schließlich 1942 von Noël Coward als Co-Regisseur für das fulminante Kriegsmarine-Epos In Which We Serve verpflichtet. Die Zusammenarbeit mit Coward sollte drei weitere Filme bis zum frühen Meisterwerk Brief Encounter überdauern. Der angeblich so autoritäre Lean zeigte sich auch später immer wieder überraschend team­fähig und hielt Künstlern, denen er vertraute, über lange Jahre und viele Projekte hinweg die Treue: dem Drehbuchautor Robert Bolt, dem Kameramann Freddie Young, dem Komponisten Maurice Jarre, Schauspielern wie Alec Guinness und John Mills, um nur einige zu nennen.

 

Tragische Liebesgeschichten wie Brief Encounter (1945) und The Passionate Friends (1949) oder das Familiendrama This Happy Breed (1944) markieren Leans erste Schaffensphase: unsentimentale Alltagsstudien aus dem England der Zwischenkriegszeit, deren huma­ner Realismus die Sozialkritik des späteren „Kitchen Sink Cinema“ vorwegnimmt, während ihre stilisierte Bildsprache eigene Wege geht und die Bühnenherkunft dieser Stoffe vergessen macht.

 

Endgültig internationales Ansehen erlangt Lean mit zwei kongenialen Charles-Dickens-Verfilmungen: Great Expectations (1946) und Oliver Twist (1948): Die in kontrastreiche Schwarzweißbilder gefassten Balladen belassen den Bigger than life-Überhöhungen der Textvorlagen ihr Recht, ohne deren kritische Schärfe auch nur um Nuancen abzumildern. Ausflüge ins Komödienfach (Blithe Spirit und Hobson’s Choice) werden – wiewohl erfolgreich – nicht weiterverfolgt, während der historische Kriminalfilm Madeleine (1950) und das Flieger-Drama The Sound Barrier (1952) spätere Hauptwerke Leans vorwegnehmen: Madeleine, der den Prozess gegen eine angebliche Giftmörderin beschreibt, ohne deren Schuld je zweifelsfrei zu klären, ist der erste jener Lean-Filme, die, ihrer scheinbar klassisch gerundeten Form zum Trotz, um unaufgelöste Rätsel kreisen: Verherrlicht oder kritisiert The Bridge on the River Kwai britisches Offiziersethos? Wer war Lawrence von Arabien wirklich? Und: Was geschah in den Höhlen von Marabar (in A Passage to India)?

 

The Sound Barrier ist, mehr noch als Summertime, Leans in ­Venedig gedrehte erste internationale Produktion, die Gussform ­jener weltweit ausstrahlenden Edel-Epen, denen der Regisseur bis heute Ruf und Renommee verdankt. Von diesen ist The Bridge on the River Kwai sicher das konzentrierteste, Lawrence of Arabia das vielschichtigste, Doctor Zhivago das erfolgreichste – und Ryan’s Daughter das unterschätzteste. Volle vierzehn Jahre hat sich Lean vom Schock der Kritikerverrisse für diese irische Madame Bovary-Version erholt; legendäre Vorhaben wie die zweiteilige Neufassung der Meuterei auf der Bounty blieben unrealisiert, bevor Lean mit A Passage to India 1984 ein spätes, gleichwohl triumphales Comeback glückte. Kurz vor Drehbeginn zu seinem Traumprojekt Nostromo (nach Joseph Conrad) erlag David Lean am 16. April 1991 einem Krebsleiden. (Hans Langsteiner)

 

Die Retrospektive besteht zum Großteil aus neu restaurierten Kopien, die dank der Zu­sammenarbeit mit dem British Film Institute erstmals in Wien gezeigt werden können. 

Zusätzliche Materialien