Ryans Daughter (1970)
Von allen internationalen Epen David Leans ist Ryans Daughter das am meisten unterschätzte. Seinerzeit als überlange, überladene irische Madame Bovary-Version kritisiert, behauptet sich die Geschichte der unglücklich verheirateten Irin und ihrer Liebe zu einem jungen britischen Besatzungssoldaten im Jahr 1916 als eigenwillige Variation des klassischen Lean-Themas: die unbeirrbare Kraft der Emotion, die sich gegen die dünne Schutzschicht aus Sitte und Konvention durchzusetzen weiß. Das scheinbar regelgetreue Melodram steckt voller formaler Kühnheiten: Am überrumpelndsten ist die Szene, in der der betrogene Ehemann die Untreue seiner Frau aus Spuren im Sandstrand rekonstruiert und David Lean dieses innere Geschehen wie selbstverständlich als Schein-Realität inszeniert, ohne den Traumcharakter des Vorgangs auszuschildern. (H.L.)



