Stanley Kubrick, Shirley Clarke, Michael Roemer
7. Mai bis 27. Juni 2026
Die Filmschaffenden Shirley Clarke, Stanley Kubrick und Michael Roemer haben vieles gemeinsam: Sie gehörten etwa derselben Generation an, waren jüdischer Herkunft, verbrachten entscheidende Phasen ihres Lebens und ihrer Karriere in New York City und leisteten einen wichtigen Beitrag zum Aufschwung des politisch, sozial, formal und finanziell unabhängigen Filmemachens im US-amerikanischen Kino der 1950er und 1960er Jahre. Innerhalb dieser aufkeimenden Independent-Filmbewegung verliefen ihre Arbeitsbiografien jedoch völlig unterschiedlich, und ihre Werke wurden von Filmkritiker*innen und Historiker*innen ebenso unterschiedlich rezipiert.
Kubrick ist natürlich der bekannteste und berühmteste der drei. Obwohl er als zweifellos unabhängiger Filmemacher bis auf wenige Ausnahmen alle seine Werke selbst produzierte, drehte er ausschließlich Spielfilme. Er bekam finanzielle Unterstützung von den großen Studios, die sich auch um die Kinoauswertung kümmerten, und seine Filme erlangten weltweit kulturelle Relevanz. Seine Handschrift war zudem geprägt von der künstlerischen Auseinandersetzung mit den wichtigsten Genres des kommerziellen Kino seiner Zeit: Obwohl er diese stets neu interpretierte, sind seine Arbeiten dennoch eindeutig dem Film Noir, Kriegsfilm, Science-Fiction, Historienfilm oder Thriller zuzuordnen.
Shirley Clarke hingegen war eine Künstlerin der Gegenkultur par excellence. Sie begann ihre kreative Laufbahn im Bereich des avantgardistischen Tanzes und drehte in den 1950er Jahren zahlreiche kurze Filme, von denen die meisten explizit den experimentellen Tanz dokumentieren, zeigen oder in ihrem Schnittrhythmus und ihrer stilistischen Freiheit tänzerisch waren. Ihr erster Spielfilm, The Connection (1961), war eine Adaption des berüchtigten Underground-Stücks des Living Theatre. Ihr wohl bedeutendstes Werk ist Portrait of Jason (1967), ein abendfüllendes Cinéma-vérité-Porträt des charismatischen, Schwarzen, queeren Performers und Strichers Jason Holliday. Der Film wurde gänzlich in der legendären Bohème-Enklave, dem Chelsea Hotel, wo Clarke selbst über 25 Jahre lang lebte, gedreht. Nach Portrait of Jason schuf sie weitere Kurzfilme und widmete sich dem aufkommenden Medium Video, bevor 1985 ihr letzter abendfüllender Dokumentarfilm über den Free-Jazz-Giganten Ornette Coleman entstand. Clarke arbeitete in trotziger Opposition zum kulturellen und kommerziellen Mainstream, der ihr wenig Beachtung schenkte. Aber sie war von den 1950er Jahren bis zu ihrem Tod 1997 ein geschätztes und einflussreiches Mitglied der experimentellen Kunstszene New Yorks. In Independent-Filmkreisen ist ihre Arbeit bis heute bedeutsam.
Michael Roemers Karriere verlief völlig anders: Wären seine Filme in den letzten Jahrzehnten nicht nach und nach wiederentdeckt worden und wäre er selbst nicht weit über 90 Jahre alt geworden (er starb im Mai 2025), wäre seine Geschichte eine der tragischen Vernachlässigung. Lange Zeit war Roemer ausschließlich für Nothing But a Man (1964) bekannt, einen der ersten und bemerkenswertesten US-Spielfilme, die sich mit außergewöhnlicher Offenheit und Sensibilität mit den Erfahrungen Schwarzer Menschen in einer rassistischen Gesellschaft auseinandersetzen. Als einer der großen Independentfilme der 1960er Jahre – mit den unvergesslichen Darstellungen von Ivan Dixon (der später selbst mehrere Filme drehte, darunter den erstaunlichen The Spook Who Sat By the Door) und der großartigen Sängerin und Songwriterin Abbey Lincoln – erhielt Nothing But a Man zunächst auf den Filmfestivals in New York und Venedig positive Resonanz. Doch von den Verleihern schändlicherweise ignoriert, geriet er bald in Vergessenheit, bis er 1993 wiederveröffentlicht wurde und seinen rechtmäßigen Platz als Meisterwerk des amerikanischen Kinos der 1960er Jahre und wegweisender Film über das Leben von Schwarzen einnahm.
Leider ist das Schicksal von Nothing But a Man nicht der einzige Fall von Vernachlässigung in Roemers Filmografie. Sein Œuvre ähnelt einem magischen Gefäß, aus dem alle zehn Jahre ein unentdeckter Edelstein auftaucht. Dieses Wiederentdecken in Serie begann 1990 mit der Veröffentlichung von Roemers zweitem Spielfilm, The Plot Against Harry (1971), der bis dahin noch stärker in Vergessenheit geraten war als zuvor Nothing But a Man: Entmutigt durch die Reaktionen bei frühen Vorführungen, beschloss Roemer selbst, den Film nicht zu veröffentlichen – eine Entscheidung, die rückblickend kaum nachvollziehbar ist, da es sich um einen der großartigsten Filme über New York handelt: ein erstaunlich lebendiges, detailreiches und urkomisch unverblümtes Porträt einer New Yorker jüdischen Gemeinde. Als der Film schließlich knapp zwanzig Jahre nach seiner Fertigstellung veröffentlicht wurde, waren es genau jene Aspekte, die beim Vorabpublikum zu Unverständnis geführt hatten, die nun die wohlverdiente Begeisterung auslösten: sein ungewöhnlicher komödiantischer Rhythmus, die sorgfältige Schilderung des sozialen Milieus und sein skrupelloser, aber im Grunde würdevoller Antiheld.
Die jüngste Phase der Wertschätzung von Roemers Werk begann vor zehn Jahren, vor allem dank der Bemühungen des Filmprogrammgestalters und Verleihers Jacob Perlin. Er entdeckte zwei erschütternd kraftvolle Filme zum Thema Tod und Trauer – den Dokumentarfilm Dying (1976) und eine Art Remake in fiktionaler Form, den Fernsehfilm Pilgrim, Farewell (1980) – sowie Roemers letzten Spielfilm, Vengeance is Mine (1984). Alle drei Filme teilen die tiefe emotionale Ehrlichkeit und den einzigartigen filmischen Ausdruck, die sich durch Roemers gesamte Filmografie ziehen. Vengeance is Mine erwies sich dabei als die bedeutendste Wiederentdeckung: Sein Verständnis für menschliches Verhalten ist beispiellos und seine außergewöhnliche filmische Form vermag die chaotischen, widerspenstigen und oft paradoxen Widersprüche der Emotionen und Interaktionen seiner Figuren widerzuspiegeln, anstatt sie zu vereinfachen. Vengeance is Mine hat nun seinen Platz neben zwei weiteren vernachlässigten Meisterwerken eingenommen, die aus dem Schaffen eines Filmemachers hervorgegangen sind, dem – obwohl er ihnen künstlerisch zweifellos ebenbürtig ist – allzu leicht der weltweite Ruhm eines Stanley Kubrick und die begrenztere, aber dennoch beständige Anerkennung einer Shirley Clarke vorenthalten worden wäre. (Jed Rapfogel)
Einführungen von Christoph Huber und Michael Loebenstein bei ausgewählten Terminen.
Die Filmschaffenden Shirley Clarke, Stanley Kubrick und Michael Roemer haben vieles gemeinsam: Sie gehörten etwa derselben Generation an, waren jüdischer Herkunft, verbrachten entscheidende Phasen ihres Lebens und ihrer Karriere in New York City und leisteten einen wichtigen Beitrag zum Aufschwung des politisch, sozial, formal und finanziell unabhängigen Filmemachens im US-amerikanischen Kino der 1950er und 1960er Jahre. Innerhalb dieser aufkeimenden Independent-Filmbewegung verliefen ihre Arbeitsbiografien jedoch völlig unterschiedlich, und ihre Werke wurden von Filmkritiker*innen und Historiker*innen ebenso unterschiedlich rezipiert.
Kubrick ist natürlich der bekannteste und berühmteste der drei. Obwohl er als zweifellos unabhängiger Filmemacher bis auf wenige Ausnahmen alle seine Werke selbst produzierte, drehte er ausschließlich Spielfilme. Er bekam finanzielle Unterstützung von den großen Studios, die sich auch um die Kinoauswertung kümmerten, und seine Filme erlangten weltweit kulturelle Relevanz. Seine Handschrift war zudem geprägt von der künstlerischen Auseinandersetzung mit den wichtigsten Genres des kommerziellen Kino seiner Zeit: Obwohl er diese stets neu interpretierte, sind seine Arbeiten dennoch eindeutig dem Film Noir, Kriegsfilm, Science-Fiction, Historienfilm oder Thriller zuzuordnen.
Shirley Clarke hingegen war eine Künstlerin der Gegenkultur par excellence. Sie begann ihre kreative Laufbahn im Bereich des avantgardistischen Tanzes und drehte in den 1950er Jahren zahlreiche kurze Filme, von denen die meisten explizit den experimentellen Tanz dokumentieren, zeigen oder in ihrem Schnittrhythmus und ihrer stilistischen Freiheit tänzerisch waren. Ihr erster Spielfilm, The Connection (1961), war eine Adaption des berüchtigten Underground-Stücks des Living Theatre. Ihr wohl bedeutendstes Werk ist Portrait of Jason (1967), ein abendfüllendes Cinéma-vérité-Porträt des charismatischen, Schwarzen, queeren Performers und Strichers Jason Holliday. Der Film wurde gänzlich in der legendären Bohème-Enklave, dem Chelsea Hotel, wo Clarke selbst über 25 Jahre lang lebte, gedreht. Nach Portrait of Jason schuf sie weitere Kurzfilme und widmete sich dem aufkommenden Medium Video, bevor 1985 ihr letzter abendfüllender Dokumentarfilm über den Free-Jazz-Giganten Ornette Coleman entstand. Clarke arbeitete in trotziger Opposition zum kulturellen und kommerziellen Mainstream, der ihr wenig Beachtung schenkte. Aber sie war von den 1950er Jahren bis zu ihrem Tod 1997 ein geschätztes und einflussreiches Mitglied der experimentellen Kunstszene New Yorks. In Independent-Filmkreisen ist ihre Arbeit bis heute bedeutsam.
Michael Roemers Karriere verlief völlig anders: Wären seine Filme in den letzten Jahrzehnten nicht nach und nach wiederentdeckt worden und wäre er selbst nicht weit über 90 Jahre alt geworden (er starb im Mai 2025), wäre seine Geschichte eine der tragischen Vernachlässigung. Lange Zeit war Roemer ausschließlich für Nothing But a Man (1964) bekannt, einen der ersten und bemerkenswertesten US-Spielfilme, die sich mit außergewöhnlicher Offenheit und Sensibilität mit den Erfahrungen Schwarzer Menschen in einer rassistischen Gesellschaft auseinandersetzen. Als einer der großen Independentfilme der 1960er Jahre – mit den unvergesslichen Darstellungen von Ivan Dixon (der später selbst mehrere Filme drehte, darunter den erstaunlichen The Spook Who Sat By the Door) und der großartigen Sängerin und Songwriterin Abbey Lincoln – erhielt Nothing But a Man zunächst auf den Filmfestivals in New York und Venedig positive Resonanz. Doch von den Verleihern schändlicherweise ignoriert, geriet er bald in Vergessenheit, bis er 1993 wiederveröffentlicht wurde und seinen rechtmäßigen Platz als Meisterwerk des amerikanischen Kinos der 1960er Jahre und wegweisender Film über das Leben von Schwarzen einnahm.
Leider ist das Schicksal von Nothing But a Man nicht der einzige Fall von Vernachlässigung in Roemers Filmografie. Sein Œuvre ähnelt einem magischen Gefäß, aus dem alle zehn Jahre ein unentdeckter Edelstein auftaucht. Dieses Wiederentdecken in Serie begann 1990 mit der Veröffentlichung von Roemers zweitem Spielfilm, The Plot Against Harry (1971), der bis dahin noch stärker in Vergessenheit geraten war als zuvor Nothing But a Man: Entmutigt durch die Reaktionen bei frühen Vorführungen, beschloss Roemer selbst, den Film nicht zu veröffentlichen – eine Entscheidung, die rückblickend kaum nachvollziehbar ist, da es sich um einen der großartigsten Filme über New York handelt: ein erstaunlich lebendiges, detailreiches und urkomisch unverblümtes Porträt einer New Yorker jüdischen Gemeinde. Als der Film schließlich knapp zwanzig Jahre nach seiner Fertigstellung veröffentlicht wurde, waren es genau jene Aspekte, die beim Vorabpublikum zu Unverständnis geführt hatten, die nun die wohlverdiente Begeisterung auslösten: sein ungewöhnlicher komödiantischer Rhythmus, die sorgfältige Schilderung des sozialen Milieus und sein skrupelloser, aber im Grunde würdevoller Antiheld.
Die jüngste Phase der Wertschätzung von Roemers Werk begann vor zehn Jahren, vor allem dank der Bemühungen des Filmprogrammgestalters und Verleihers Jacob Perlin. Er entdeckte zwei erschütternd kraftvolle Filme zum Thema Tod und Trauer – den Dokumentarfilm Dying (1976) und eine Art Remake in fiktionaler Form, den Fernsehfilm Pilgrim, Farewell (1980) – sowie Roemers letzten Spielfilm, Vengeance is Mine (1984). Alle drei Filme teilen die tiefe emotionale Ehrlichkeit und den einzigartigen filmischen Ausdruck, die sich durch Roemers gesamte Filmografie ziehen. Vengeance is Mine erwies sich dabei als die bedeutendste Wiederentdeckung: Sein Verständnis für menschliches Verhalten ist beispiellos und seine außergewöhnliche filmische Form vermag die chaotischen, widerspenstigen und oft paradoxen Widersprüche der Emotionen und Interaktionen seiner Figuren widerzuspiegeln, anstatt sie zu vereinfachen. Vengeance is Mine hat nun seinen Platz neben zwei weiteren vernachlässigten Meisterwerken eingenommen, die aus dem Schaffen eines Filmemachers hervorgegangen sind, dem – obwohl er ihnen künstlerisch zweifellos ebenbürtig ist – allzu leicht der weltweite Ruhm eines Stanley Kubrick und die begrenztere, aber dennoch beständige Anerkennung einer Shirley Clarke vorenthalten worden wäre. (Jed Rapfogel)
Einführungen von Christoph Huber und Michael Loebenstein bei ausgewählten Terminen.
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