Vers la mer (Bis ans Meer), 1999, Annik Leroy
Annik Leroy
TREMOR - Es ist immer Krieg, 2017, Annik Leroy

Annik Leroy
Utopie und Entzauberung

7. und 8. Oktober 2021

Die Belgierin Annik Leroy (*1953), ein zu lange gehütetes Geheimnis des europäischen Kinos, gehört zu jenen Filmemacherinnen, die in der Auf­nahme einer Landschaft oder eines Gesichts die ganze Gewalt der Ge­schichte miterzählen. In ihren Filmen entwirft sie ein hochkomplexes, nie­mals versöhntes Bild Europas.
 
In In der Dämmerstunde Berlin de l'aube à la nuit (1980) driftet die Fil­memacherin durch ein von der Erin­nerung heimgesuchtes Deutschland. Ist es möglich, in dieser Stadt Wärme zu finden? Wie so oft spaziert Leroy mit ihrer Kamera und zitiert die Literatur, um ihren Sinn zu grei­fen: einen Zustand finden, in dem das Sehen zum Sein wird (Witold Gombrowicz).
 
Ihre Filme erinnern daran, dass man manchmal nur begreift, wenn man einen Schritt zurückgeht. In Vers la mer (1999) folgt sie den Fuß­spuren von Claudio Magris entlang der Donau. Wieder sucht sie etwas, was es nur jenseits der zynischen Politik und brutalen Ge­schichte gibt: ein Europa der Gemeinsamkeiten. In diesem Sinn be­schreibt dieses Kino Restutopien im Ödland. Besonders deutlich wird das in TREMOR – Es ist immer Krieg, einem Aufschrei gegen Fa­schismus, in dem die 16mm-Kamera endgültig zur Waffe wird, die ein besseres Leben fordert.
 
Diese Kriegerin ist eine Flaneurin, aber ihre Wege laufen nicht ent­lang der Prachtstraßen, sondern auf den vergessenen Pfaden des längst abgelaufenen europäischen Versprechens. Leroy erliest und ergeht sich ihre Filme. Man könnte frei nach Thomas Bernhard sagen, dass sie "in die entgegengesetzte Richtung" geht. Dort sieht sie das, was wirklich zählt oder zumindest hätte zählen sollen. (Patrick Holz­apfel)

Zur Begleitung des filmischen Werks von Annik Leroy haben die Kurator*innen der Schau, Ivana Miloš und Patrick Holzapfel, passende Filme aus unserer Filmsammlung ausgesucht.

In Anwesenheit von Annik Leroy