Buongiorno, notte (Der Fall Aldo Moro), 2003, Marco Bellocchio

Buongiorno, notte (Der Fall Aldo Moro)

Marco Bellocchio, IT 2003
Drehbuch: Marco Bellocchio, Daniela Ceselli nach dem autobiografischen Buch Il prigionero von Anna Laura Braghetti und Paola Tavella; Kamera: Pasquale Mari; Schnitt: Francesca Calvelli; Musik: Riccardo Giagni; Darsteller*innen: Maya Sansa, Luigi Lo Cascio, Roberto Herlitzka, Pier Giorgio Bellocchio, Paolo Briguglia. 35mm, Farbe, 106 min. Italienisch mit dt. UT
 
Die Aldo-Moro-Entführung als perverses Ersatzfamilienkammerspiel: der todgeweihte Politiker als heiliger Übervater, seine Kidnapper von den Roten Brigaden wie fehlgeleitete Sektenjünger, die mit starrer Miene ihre Suppe löffeln und vorm Fernseher sitzen, als wären sie Zombies, unisono "Alle Macht der Arbeiterklasse" herunterbetend. Dazwischen steht die einzige Frau unter den Entführern (selbstverständlich erkennt Moro die weibliche Präsenz trotz verbundener Augen daran, wie seine Socken gefaltet sind): Ihre zunehmend befremdete Außenseiterperspektive prägt diesen surreal-subversiv schlingernden Film. Die satirisch zugespitzte Situation im Apartment kontrastiert Bellocchio mit weißem Hintergrundrauschen aus Medienkommentaren und elektrisierenden Epiphanien: Ein Partisanenlied sorgt bei einer Hochzeitsfeier für Tumult, am Ende hat die Protagonistin eine bewegende Traumvision eines freigelassenen Moro auf menschenleerer Straße. Dann die Bilder seines Begräbnisses: Buongiorno, notte. (C.H.)
 
Videoeinführung von Marco Bellocchio (4 min)