Shadows, 1959, John Cassavetes
Every Day Except Christmas, 1957, Lindsay Anderson
Saute ma ville (Spreng meine Stadt), 1968, Chantal Akerman
L'Opéra-Mouffe, 1958, Agnès Varda
New York Eye and Ear Control, 1964, Michael Snow

Films You Cannot See Elsewhere
Amos-Vogel-Atlas Kapitel 4: Lichter der Großstadt

2. bis 24. Juli 2021

Wo das dritte Kapitel des Vogel-Atlas durch die Anfangsjahre von Amos Vogels eminent einflussreichem Filmclub "Cinema 16" inspiriert ist, schließt das vierte eine Klammer, indem es den Schwerpunkt auf die Schlussphase von Vogels dortigem Wirken legt. Im Zentrum stehen diesmal unterschiedliche Stadtbilder: Die beiden Programme dieses Kapitels exemplifizieren Vogels visionären Umgang mit Kino nicht nur in der Kombination verschiedenartigster Filmformen, sondern auch, indem sie seine künstlerische Scharfsicht unterstreichen: So präsentierte er in den 1950ern als erster in den USA die realistischen Filme einer jungen britischen Free-Cinema-Generation, die bald Weltruhm erlangen sollte (im Programm repräsentiert durch Lindsay Anderson, mit dem Vogel engen Austausch pflegte), ebenso wie etwa die französische Cineastin Agnès Varda, deren Frühwerk L'Opéra-Mouffe besonderen Eindruck hinterließ.
 
Und Shadows, das Regiedebüt von John Cassavetes, wurde in seiner endgültigen Form überhaupt in Vogels "Cinema 16" uraufgeführt, am 11. November 1959: ein Meilenstein des unabhängigen US-Kinos, der aber auch zu einem Stolperstein für den Filmclub wurde. Während die internationale Regiekarriere von Cassavetes quasi mit dem Startschuss von Vogel ausgelöst wurde, kam es rund um die Premiere zu Auseinandersetzungen innerhalb der New Yorker Szene – nota bene mit Jonas Mekas, dem Sprachrohr des fruchtbaren amerikanischen Avantgarde-Aufbruchs der Sixties –, die das Ende von "Cinema 16" einläuteten. 1963 musste Vogel seinen Filmclub aufgeben und wandte sich neuen Wirkungsstätten zu.
 
So ist dieses Atlas-Kapitel auch Dokument eines Aufbruchs, filmgeschichtlich und im Sinne der sich entfaltenden globalen Urbanität der Nachkriegs-Moderne: Das Programm Spreng meine Stadt durchmisst Metropolen in Europa – in England, Frankreich, Belgien, Deutschland, Österreich – und die Modernisierung der filmischen Mittel und Zugänge in den Händen von innovativen Kreativen ersten Ranges. Als besonderen Höhepunkt beschließen wir es mit der Weltpremiere eines neuen Kurzfilms von Ludwig Wüst – zugleich ein Sprung aus der Geschichte des analogen Films in die digitale Gegenwart der Handy-Laufbilder.
 
Das zweite Programm verschreibt sich ganz Vogels Wirkungsstätte New York, mit dem jazzigen Spielfilm-Stadtbild Shadows als Zentralstück, gerahmt von einem atemberaubenden frühen Dokument aus dem Untergrund und einem ganz anders gepolten Jazz-Rundgang von Michael Snow, der sich erst nach dem Ende von "Cinema 16" als originärer Film-Schöpfer etablierte (und von Vogel später in seinem revolutionären Buch Film As a Subversive Art ausgiebig gewürdigt wurde). (Christoph Huber)
 
Der gebürtige Wiener Jude Amos Vogel (1921–2012) wurde nach der Emigration in die USA eine der wichtigsten Figuren der internationalen Filmkultur. Die Reihe Amos-Vogel-Atlas widmet sich der Weiterführung seines widerständigen Erbes parallel zur Beforschung seines Nachlasses im Filmmuseum mit Schwerpunkt auf Raritäten aus der Sammlung.
Zusätzliche Materialien