"A Very Worthwhile Question"

Fallstudie #1: Amos Vogel und das "mysteriöse" kuratorische Wissen


Amos Vogel, eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der internationalen Filmkultur, emigrierte 1938 in die USA. Die Motivation zu seinen dort entwickelten kuratorischen Unternehmungen stellte sich für ihn selbst als "irgendwie mysteriös" dar. In einem Oral-History-Projekt, für das er von 1993 bis 1995 befragt wurde, gibt er zu Protokoll:
 
Amos Vogel. Mosaik im Vertrauen, 2001, Egon Humer
"One interesting thing, to me, that's kind of mysterious, and I've often thought about it ... Of course, you can't come up with a good answer to it, but it's a very worthwhile question: how is it that I was able to pick out who was significant, or even subsequently significant and who was not, you see?" (Vogel 1995:110)

Bevor sich Vogel dieser wohl unbeantwortbaren, aber "lohnenden Frage" widmet, reflektiert er den zweischneidigen Charakter seiner ungewöhnlichen Befähigung, da kuratorische Entscheidungen immer zugleich Einschluss und Ausschluss produzieren:

"Festival directors are gatekeepers. They either open the gate or they close the gate." (Vogel 1995:110)

Welche Elemente auch immer den Ausschlag für die Entscheidung zu einem Ein- oder Ausschluss geben, sie verweisen auf komplexe Prozesse in der Konstruktion von kuratorischem Wissen. Für sich selbst identifiziert Vogel zwei grundlegende Einflüsse:
1. Wiener Kinderbuch
"So, one thing I have come to, in terms of myself in relation to this question is that there were two factors. One was the way I was educated as a kid, and the other one was my interest in modern art." (Vogel 1995:110f)

Im Hinblick auf die Erziehung als ersten Aspekt seines "Kurator-Werdens" fällt auf, dass Vogel selbst den unterschiedlichen Bildungsmodellen und pädagogischen Neuerungen, denen er im Verlauf seiner Kindheit und Jugend im Roten Wien und in zionistischen Jugendverbänden begegnet ist, weit weniger Bedeutung beimisst als der Rolle seiner Mutter:

"The way I was educated – I just want to make a brief remark about this – since my mother was an educator and very progressive, very open to the existing tendencies in her culture at the time – she gave me that education; namely, to constantly expose me to new things and to either evoke my interest in things I might not even have known I would be interested in, or to foster the interest I expressed." (Vogel 1995:111)
Mitgliedskarte Wiener Eislaufverein
Tatsächlich wirkte seine Mutter Mathilde Vogelbaum als Volksschullehrerin an den pädagogischen Unternehmungen Alfred Adlers mit. Für den Begründer der Individualpsychologie war die erzieherische Praxis ein wichtiger Prüfstein aller Theorie. Adler war ein bedeutender Akteur in der Schul- und Bildungsreform des Roten Wien, der angesichts des Austrofaschismus 1934 nach New York emigrierte, wo er bereits eine Gastprofessur an der Columbia University innehatte. Sein überraschender Tod 1937 machte eine denkbare und von Mathilde Vogelbaum wohl auch angestrebte Weiterführung ihrer pädagogischen Tätigkeit in den USA unmöglich. Sie verfügte jedenfalls über erstaunliche erzieherische Fähigkeiten und Kenntnisse, mit denen sie die Interessen ihres Sohnes erfolgreich weckte und förderte: 

"The interest expressed went both in the direction of writing and reading, and in the direction, not so much drawing or anything like that – I wasn't good at that, actually – but in the direction of looking and seeing things, museums and paintings and this and that. There was definitely a very open spirit and a spirit that encouraged me, as a child. I remember that distinctly, you know." (Vogel 1995:111)
Tim und Tom im Kino, Amos Vogel
Diesem offenen und ermutigenden Zeitgeist war Vogel insbesondere in den Kinder- und Jugendkunstklassen von Franz Čižek begegnet: Aus einem handschriftlichen Stundenplan von 1927, der sich in den Amos Vogel Papers an der Columbia University findet, geht hervor, dass er bereits als Sechsjähriger jeden Samstagnachmittag von vier bis sechs Uhr mit dieser international beachteten kunstpädagogischen Reformbewegung Berührung hatte. Čižek schränkte diese Kunstklassen nicht auf bildende Kunst ein, er konzipierte sie vielmehr als "ein Asyl für Begabungen. Denn in jedem Beruf wird das künstlerische Element, einmal in der Seele aufgerufen, die Arbeit schöpferisch machen." (Čižek 1925:67) Auch wenn Vogel seinen eigenen bildnerischen Fähigkeiten kritisch gegenübersteht, bleiben die cartoonhaften Kurz- und Kürzestgeschichten, die er im eigens dafür erfundenen "Diabolo-Verlag" (Vogelbaum 1928) in loser Folge ankündigte und entwarf, in kinematographischer Hinsicht interessant: Hier werden oft absurde oder groteske Plots graphisch und typographisch in einzelne Einstellungen aufgelöst.
Juvenilia, Amos Vogel Library/ÖFM © The Estate of Amos Vogel
Doch das wohl erstaunlichste Beispiel für die Herausbildung einer bestimmten (kuratorischen) Blickrichtung, von der aus Amos Vogelbaum die Dinge zu sehen und zu betrachten beginnt, findet sich in einer Jugendrotkreuz-Zeitschrift vom September 1932, die der Jugendkunstklasse Čižeks gewidmet ist. Folgt man der handschriftlichen Aufforderung auf dem Titelblatt "Da bin ich drin! Wenden!", ist auf der folgenden Seite die erste veröffentlichte Kritik des zukünftigen Kurators zu lesen:

"Am besten gefallen mir die Arbeiten von kleinen Kindern. Da sah ich ein Bild, das 'Straße von oben' betitelt war. Die Leute lagen auf dem Bürgersteig, und auf der Straße stand ein Wagen. Der kleine Maler wollte aber auch die Räder malen. Was tat er? Er malte sie neben den Wagen." (Vogelbaum 1932)
Werfen wir noch einen Blick auf den zweiten Aspekt, den Vogel im Prozess der Konstitution seines kuratorischen Wissens hervorhebt:

"The other thing is an interest in modern art. Yes. Consciously, that began to be very active only after I came to the United States. Unconsciously, it must have started in Vienna, and lots of museums, Kokoschka, Schiele, Klimt. So, it means it only started when I got to be an adult, really. It went quite far. It means not only attendance at museums, going to museums and looking at a lot of stuff, but also lectures and courses and reading. A huge influence on me was Meyer Schapiro, the art historian and critic, because he gave lectures all over, classes, and I attended as many of those as I could. I remember I was absolutely bowled over … Well, I wasn't the only one. Have you ever attended his lectures?" (Vogel 1995:111f).

Vogel ist Meyer Schapiro erstmals am Beginn der 1940er Jahre an der New School for Social Research begegnet, wo sich der junge Immigrant für Politik und Ökonomie eingeschrieben hatte. Die Überlegungen des Lehrers schärften Vogels Denken weit über seine filmkuratorische Tätigkeit hinaus und Vogels Privatbibliothek liefert überraschende Einblicke in diese fruchtbare und fortdauernde Auseinandersetzung.
Cover Aesthetics Today, Amos Vogel Library/ÖFM
Hier finden sich Untersuchungen und Beiträge Meyer Schapiros, die Vogel mit Annotaten und Markierungen versieht und dadurch vielschichtige und erratische Spuren durch seine intensive Lektüre legt. Sehen wir als Beispiel dafür einen Beitrag zu Rolle und Funktion der kunsthistorischen Stilanalyse in der Anthologie Aesthetics Today. Indem Meyer Schapiro Stil auf formale Qualitäten und visuelle Merkmale gleichermaßen bezieht, begreift er ihn nicht nur als Charakteristikum einer bestimmten Periode, sondern auch als machtvolles Analyseinstrument in seiner doppelten Funktion als Indikator für künstlerische Subjektivität und gesellschaftliche Verfasstheit. Künstlerische Stile reflektieren wirtschaftliche und soziale Umstände, kulturelle Annahmen und normative Werte. Zugleich aber macht unsere eigene Beschreibung von Stil die historischen Bedingungen unserer Zeit und unseres kulturellen Kontextes lesbar. In der Lektüre dieser subtilen Verhältnisse markiert Vogel Meyer Schapiros Überlegungen durch Unterstreichungen und Ausrufezeichen.

"In medieval work the unframed figures on the borders of illuminated manuscripts or on cornices, capitals, and pedestals are often freer and more naturalistic than the main figures. This is surprising, since we would expect to find the most advanced forms in the dominant content. Such observations teach us the importance of considering in the description and explanation of a style the unhomogeneous, unstable aspect, the obscure tendencies toward new forms." (Schapiro 1961:89)
Amos Vogel Visitenkarte
In Meyer Schapiros Erkenntnis, dass die progressivsten Formen nicht in den dominanten Inhalten zu finden sind, und in der Bedeutung, die er der Analyse inhomogener, instabiler Aspekte und obskurer Tendenzen zumutet, klingen Elemente an, die in Vogels Hauptwerk Film as a Subversive Art leitmotivisch wiederkehren. Auch eine Bemerkung im Gespräch über seinen Lebensweg weist in diese Richtung:

"So, these things were very important to me. The visual aspects of things, the plastic aspects, that was very important to me and I found that in film and looked for it in film." (Vogel 1995:112)

Dennoch, trotz aller Aufmerksamkeit, die wir der "durchaus lohnenden" Frage nach den Bedingungen und Beweggründen des Kurator-Werdens gewidmet haben, bleibt für Amos Vogel auch weiterhin ein "wunderbares Rätsel" bestehen:

"I've discovered, to my absolute amazement, that there are a lot of people around who don't see that. They simply don't see it, and I've often asked myself how come I see it and they don't see it. I have absolutely no explanation for that, it's a real, wonderful mystery to me." (Vogel 1995:112)


Von Tom Waibel und Elisabeth Streit


Literatur:

Franz Čižek, "Schöpferisches Gestalten im Kindesalter", in: Das werdende Zeitalter, Zeitschrift des Weltbundes für Erneuerung der Erziehung, Dresden 1925.
Meyer Schapiro, "Style", in: Aesthetics Today, Hg. Morris Philipson, Cleveland 1961.
Amos Vogel, Oral History Interview, New York: Lincoln Center for the Performing Arts, 1995
Amos Vogelbaum, Tim und Tom im Kino, Wien 1928 (Wien: ÖFM/Amos Vogel Library).
Amos Vogelbaum, Jugendrotkreuz-Zeitschrift, Wien 1932, Amos Vogel Papers (New York: Columbia University).