Mit dem Motorrad über die Wolken

Regie: Lothar Rübelt; Kamera: Franz Sochor; Produktion: Mondial-Film, Wien. Mit: Lothar Rübelt, Anton Pospischil u.a. Österreich, 1926, sw und Farbe (Virage und Tonung), 46 Minuten (20 B/Sek). Alternativtitel: Mit dem Motorrad über den Wolken
 

Digitale Restaurierung und Rekonstruktion (4K) auf Grundlage des 35mm-Originalnegativs aus der Sammlung des Filmarchivs Austria und einer 35mm-Nitrokopie aus der Sammlung des Österreichischen Filmmuseums in Kooperation mit Filmarchiv Austria
 
Lothar Rübelt (1901–1990) ist einer der wichtigsten österreichischen Fotografen des 20. Jahrhunderts. Bekannt und von bleibender Bedeutung ist seine Reportage- und Sportfotografie, die von den 1920er Jahren bis in die Nachkriegszeit und die Zweite Republik reicht. Seine Faszination für den Nationalsozialismus und seine Rolle in der visuellen Dokumentation des "Anschluss" 1938 wurde in den letzten zwei Jahrzehnten kritisch aufgearbeitet. Unbestritten ist Rübelts Werk Teil des Bildgedächtnisses Österreichs: kaum ein Buch oder einen Bildband zum Zeitgeschehen der 1920er bis 1960er Jahre, der keine Abbildung von ihm enthält.

 
Auf Grund seiner langjährigen Beschäftigung mit der Dynamik der Bewegung im Rahmen seiner Bildreportagen war es vielleicht logische Konsequenz, dass Rübelt in den 1920er Jahren begann, mit dem Bewegtbild zu experimentieren. 1926 stellte er seinen ersten und einzigen Film Mit dem Motorrad über die Wolken fertig, eine Hommage an zwei große Modeerscheinungen der 1920er Jahre – das Motorradfahren und das Genre des Bergfilms.
 
Gedreht an Originalschauplätzen in Österreich und Südtirol, erzählt der Film – in Form eines Spieldokumentarfilms – die Geschichte einer Gruppe von Motorradfahrer*innen, die mit ihren Maschinen erfolgreich über die mehr als 3.232m hohe Tofana in den Dolomiten fahren. Rübelts "fotografisches Auge" manifestiert sich vor allem in den atemberaubenden Bergaufnahmen, für ein Regiedebüt synthetisiert er überraschend erfolgreich Elemente des Kulturfilms und des erzählerischen Dokumentarfilms.
 
Spielorte und Ausblicke:
Wien * St. Pölten * Melk * Salzkammergut * Pass Gschütt * Katschberg * Toblach-Dobbiaco * Schluderbach * Monte Piano * Die Drei Zinnen * Monte Cristallo * Croda Rossa * Cortina D'Ampezzo * Antelao * Croda da Lago * Pass Tre Croci * Misurinasee * Paternsattel * Tofana-Plateau * Marmolata
 
Die Fertigstellung des Films wurde von einer Tragödie überschattet: Rübelts Bruder Ekkehard, der bei der Herstellung des Films mitwirkte, verstarb direkt nach der Produktion bei einem Motorradunfall. Der Film ist ihm gewidmet und Lothar Rübelt – durch die Erfahrung schwer geprägt – sollte keinen weiteren Film mehr drehen. Mit dem Motorrad über die Wolken verbleibt bis heute als singulärer und eindrucksvoller Beweis für das Regie-Talent des Fotografen Rübelt und ein filmisch überzeugender und publikumswirksamer Abenteuerfilm. Was wiederzuentdecken ist, ist dabei auch ein Zeitdokument über die Medienbegeisterung der 1920er Jahre, über Projektionen von Jugendlichkeit und Maskulinität, und über den Mythos Natur und das Phantasma ihrer Bezwingung durch die Technik.
 
Die Restaurierung von Mit dem Motorrad über die Wolken wurde 2019 gemeinsam von Filmarchiv Austria und Österreichischem Filmmuseum in Angriff genommen und im Frühjahr 2021 abgeschlossen. Als Grundlage dienten Filmmaterialien aus den Sammlungen beider Institutionen, sowohl das Originalnegativ, als auch eine historische Kinokopie auf dem fragilen Nitrozellulose-Material. Der Film wurde vermutlich im Laufe der Jahre in verschiedenen Schnittfassungen gezeigt, was sich in den beiden überlieferten Ausgangsmaterialien widerspiegelt: keine der beiden Fassungen entspricht der "Urfassung". Ziel war es also, eine Fassung zu rekonstruieren, die der in historischen Quellen (wie Lothar Rübelts Tagebuch, Zensurberichten, Zensurkarten, Pressetexten und Werbematerialien) aus den 1920er Jahren überlieferten Urauffassung am nächsten kommt. Dabei wurde auch die in der historischen Kinokopie erhaltene Farbgebung durch Viragierung und Tonung berücksichtigt, die mittels digitaler Mittel nachempfunden wird.

Premiere der restaurierten Fassung: 24. Juni 2021 (Open-Air-Kino Augarten, Wien)