Arbeitstitel:

Schutt der Evolution

Die Peter Kubelka Collection


Seit den 1950er Jahren ist der 1934 geborene Peter Kubelka eine herausragende Figur der internationalen Filmavantgarde und spätestens seit seiner "Entspezialisierung" in den späten 1960er Jahren auch als Theoretiker weltbekannt. Sein Gedankengebäude integriert Kunstgeschichte, Anthropologie, Philosophie und Wahrnehmungstheorie in die Suche nach den Grundlagen und kleinsten Elementen menschlicher Kultur sowie ihrer Ausdrucksmedien. Kubelkas Theorie ist bewusst praxisorientiert: sein Streben "die Begriffe wieder an ihre materielle Basis" zu bringen verweigert die in der westlichen Wissenschaft so dominante Schriftform und artikuliert sich über den Live-Vortrag, über verbale und auch nicht-verbale Elemente wie Musik, Kochen, Objekte und Werkzeuge, die performativ und im Dialog mit dem Publikum "zum Sprechen gebracht" werden.
 
Für das Verständnis von Kubelkas Werk, und in der Darstellung seiner umfassenden Philosophie menschlicher Kultur ist – neben seinem filmischen Werk, das im Österreichischen Filmmuseum bewahrt wird – seine Sammlung von Artefakten essentiell. Seit den 1950er Jahren legte Kubelka eine globale Sammlung bedeutsamer Objekte menschlichen Kunst- und Kulturschaffens an: von Kunstwerken über Werkzeuge, Musikinstrumente bis hin zu Abfall der Konsumgesellschaft. Es handelt sich dabei um mehrere tausend Gegenstände, die in Kubelkas Wohnung in der Wiener Innenstadt in Reihen und Serien gegliedert ausgestellt sind. Mittels dieser Objekte artikuliert Kubelka sein Weltbild; in ihrer Demonstration und der "Montage" in Raum und Zeit enthüllt Kubelka strukturelle Merkmale menschlicher Kultur, ihre Verdichtungen in der Zeit, Kontinuitäten sowie das Ereignis des Neuen in der Kulturgeschichte. In seiner Performanz wird der "Schutthaufen wirksam gemacht" (Kubelka), eine forscherische und Vermittlungspraxis, die sich auch als analoge Form der "augmented reality" verstehen lässt.
 
Kubelkas nicht-sprachliches Werk stellt, so unsere Forschungsthese, eine immaterielle Form des kulturellen Erbes dar. Es umfasst die Geschichte einer Sammlung, ihrer Organisation und Systematik, sowie die "links", welche scheinbar kontingente Objekte und Ereignisse relational werden lassen. Dieses in der Sammlung sedimentierte "stillschweigende" oder immaterielle Wissen ("tacit knowledge") soll nun im Rahmen künstlerisch-wissenschaftlichen Forschungsprojekt exploriert werden.
 
Durchgeführt wird das Projekt als Sondervorhaben im Rahmen der wissenschaftlichen Tätigkeit des Österreichischen Filmmuseums, und unter der künstlerisch-wissenschaftlichen Leitung von Peter Kubelka. Ihm stehen österreichische und internationale Expert*innen aus Kunst und Wissenschaft zur Seite, um Video-Feldarbeit und Interviews mit Peter Kubelka durchzuführen.
 
Antragssteller und Projektträger*in: Österreichisches Filmmuseum (Wien)
Projektleitung (künstlerisch-wissenschaftlich): Peter Kubelka
Projektleitung (Produktion): Caro Madl, Ricky Renier
Durchführungszeitraum: Mai 2020 bis Dezember 2022
Förderung: Stadt Wien Wissenschaft und Forschung