Depot Konrad Lorenz

Die Familie des Verhaltensforschers Konrad Lorenz (1903–1989) übergab im Jahr 2011 etwa 200 Filmrollen aus dessen Nachlass als Depot an das Österreichische Filmmuseum. Die Sammlung wurde im Jahr 2021 durch Konrad Lorenz' Erben Riccardo Draghi-Lorenz um weitere Filme aus dem Nachlass seines Großvaters ergänzt. Die wegweisende Forschung des Nobelpreisträgers war maßgeblich durch den methodischen Einsatz von Film gestützt.
 

Bei der Sammlung Konrad Lorenz handelt es sich größtenteils um Forschungsfilme aus der Praxis der vergleichenden Verhaltensforschung (Ethologie) an verschiedenen Enten- und Gänsearten. Die Filmaufnahmen, vorwiegend in Schwarzweiß, umspannen den Zeitraum von den 1930er bis in die 1980er Jahre. Drehorte sind der Familienwohnsitz in Altenberg bei Wien, die Forschungsstelle für Vergleichende Verhaltensforschung in Buldern bei Münster/Westfalen, das frühere Max-Planck-Institut für Verhaltensforschung in Seewiesen (Pöcking) bei München und die Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau (Oberösterreich).

Es ist nicht genau zu sagen, welche Filme von Konrad Lorenz selbst, welche von Assistent*innen gedreht wurden. In einigen wenigen Aufnahmen ist Konrad Lorenz beim Umgang mit seinen Forschungstieren zu sehen, dazu gehört das Rufen von Graugänsen im Film B.4.9. Gänse im Moor Seewiesen. Der Großteil der Filme ist als Forschungsmaterial im Kontext der Verhaltensforschung anzusehen. Es ist zu vermuten, dass diese Filme von den Forscher*innen im Zuge der wissenschaftlichen Auswertung teils in Doppelprojektion, teils verlangsamt oder beschleunigt abgespielt wurden, um typische Bewegungsweisen und Verhaltensmuster zu erkennen und evolutionsbiologisch zu erforschen. Ein besonderes Sujet stellen Aufnahmen von ritualisierten Verhaltensformen wie der Balz dar. Ebenso beschäftigt sich eine Reihe von Aufnahmen mit Hybriden, d.h. mit dem Verhalten von gekreuzten Enten- und Gänsearten.

Einzelne Titel stellen Zusammenschnitte des Rohmaterials dar, wie zum Beispiel A.2.18. Div. Enten, versch. Verhaltensweisen. Hierbei handelt es sich um eine Montage typischer Verhaltensformen mehrerer Entenarten. Es ist bekannt, dass derlei Zusammenschnitte für die Demonstration von Forschungsergebnissen bzw. zur Untermauerung von Thesen auf biologischen Fachveranstaltungen wie dem Internationalen Kongress der Ethologen gezeigt und live kommentiert wurden. Konrad Lorenz arbeitete zudem eng mit dem Institut für den Wissenschaftlichen Film (IWF) in Göttingen zusammen und engagierte sich neben anderen für die Encyclopaedia Cinematographica.

Einzelne Aufnahmen der Sammlung Konrad Lorenz stehen im Zusammenhang mit Filmprojekten für diese Bewegtbildenzyklopädie bzw. wurden in Zusammenarbeit mit dem IWF in einen Enzyklopädiefilm umgeschnitten. Einige wenige Filme aus der Sammlung sind anderer Provenienz, wie zum Beispiel der britische Lehrfilm The Eider Duck (Somateria Mollissima) – A Film on Bird Behaviour von Nikolaas Tinbergen (1907–1988), Professor of Animal Behaviour an der Universität von Oxford.
 
Wir danken Sophia Gräfe, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim DFG-Heisenberg-Projekt "Transdisziplinäre Netzwerke des Medienwissens", für die Abfassung dieses Beitrags im Rahmen ihrer Forschungen an dem Bestand.
 

Filmbeispiele aus dem Depot

Regie: Konrad Lorenz (Jahr unbekannt), 16mm
 
B.4.9. Gänse im Moor Seewiesen (Regie: Konrad Lorenz, Jahr unbekannt) (Depot Konrad Lorenz)



Hinweis und weiterführende Literatur

"Einblicke in die Filmsammlung" versucht Filmsammlungen, die dem Filmmuseum als Schenkung oder Depot übergeben wurden, nach Katalogisierung und Archivierung sichtbarer zu machen, auch wenn sie oft (noch) nicht Teil eines Digitalisierungs-, Forschungs- und Publikationsprojekts oder des Programms im "Unsichtbaren Kino" sind. In diesem Sinne ist die Beschreibung, die wir hier geben, eine Zusammenfassung über das "Depot Konrad Lorenz" und bietet daher keine darüber hinausgehenden Forschungsergebnisse. Bei Interesse zur Biografie von Konrad Lorenz, seiner Arbeit und Karriere, inklusive seiner Nähe zum Nationalsozialismus und die kritische Auseinandersetzung damit, empfehlen wir folgende weiterführende Lektüre: Konrad Lorenz von Klaus Taschwer und Benedikt Föger (Zsolnay Verlag, 2003), bzw. die Literatur, die das Konrad Lorenz Haus Altenberg auf seiner Website gesammelt hat.


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