Guckkasten #3

Seit 28. Februar 2022
 
Foto: ÖFM / © Eszter Kondor

"Das Filmmuseum ist eine Cinémathèque.
Die Ausstellungen finden auf der Leinwand statt."

Fotos: Eszter Kondor Text: Kevin Lutz Gestaltung: Gabi Adébisi-Schuster

 

Das Österreichische Filmmuseum ist bestrebt, Werke aus der Geschichte des Films in ihrem jeweiligen Originalformat und in den bestmöglich erhaltenen Filmkopien zu zeigen. Unabhängig davon, ob diese Filmkopien aus der eigenen Filmsammlung oder aus internationalen Cinematheken und Archiven stammen, benötigt es einiges an Vorbereitung, bis der Film auf der Leinwand erscheint.
 

So kommt die Ausstellung auf die Leinwand

 
Eine einzelne Filmrolle eines 35mm-Tonfilms hat in der Regel eine Laufzeit von etwa 15 bis 20 Minuten. Für einen abendfüllenden Film bedeutet das also, dass sehr schnell sechs große Rollen zusammenkommen. Insgesamt wiegt eine Filmkopie so bald einmal 25kg oder mehr.

Jede der Rollen muss vor ihrem Einsatz genau befundet werden. Das beinhaltet so grundsätzliche Prüfungen wie jene der Sprachfassung und der Vollständigkeit der Kopie, aber auch sehr detaillierte Untersuchungen wie die Feststellung von Schäden, von Farbveränderungen oder dem Schrumpfungsgrad des Materials.

Filmmaterial aus einer bestimmten Entstehungszeit kann im Laufe der Jahre verblassen und oft ist von den ursprünglichen Farben nur noch Rot erhalten. In einem solchen Fall kommt eine Kopie möglicherweise nicht mehr für einen Einsatz im Filmmuseum in Frage.
 
Filme, die vor den 1990er Jahren entstanden sind, bestehen meist aus Celluloseacetat, das einem fortlaufenden Zerfall ausgesetzt ist. Eines der Merkmale dieses Zerfalls ist die Schrumpfung des Materials. Wenn diese Schrumpfung einen gewissen Grad überschritten hat, kann die Kopie nicht mehr gefahrlos durch einen Filmprojektor laufen, da dann die Möglichkeit besteht, dass die Perforation, an der der Film transportiert wird, Schaden nimmt.

Filmmaterial ist fragil und kann unter Krafteinwirkung reißen, weshalb genau geprüft werden muss, ob es auch nur kleinste Einrisse an den Rändern gibt, die in der Vorführung zu einem Filmriss und in der Folge zu einer Filmunterbrechung führen können. Diese müssen daher gewissenhaft gesucht und präzise repariert werden. Zu diesem Zweck läuft in der Vorbereitung der gesamte Film einmal komplett durch die Finger einer Archivarin oder eines Archivars.
 
Jeder festgestellte Schaden, von bestehenden Filmrissen bis zu kleinsten Schrammen, wird möglichst detailliert auf einem Filmbefundblatt notiert, auf dem auch die für die spätere Projektion wichtigsten Eckdaten wie das Tonsystem, die Laufgeschwindigkeit und das Bildformat festgehalten werden.

Von manchen Filmen können unter Umständen sogar mehrere Kopien verfügbar sein. In diesen Fällen ist es wichtig, festzustellen, welche die schönste oder am besten erhaltene Kopie ist. Ein Unterschied kann sich offensichtlich in Beschädigungen wie Schrammen und Kratzer manifestieren, er kann aber auch subtiler in mehr oder weniger Details, in Balance von Hell und Dunkel und in Erscheinung der Farben zum Ausdruck kommen. Oft braucht es ein genaues Auge und die gesamte Erfahrung der Archivar*innen, um die beste Kopie für die schönste Filmvorführung zu identifizieren.
 
Da ein Film aus mehreren Rollen besteht, die abwechselnd von zwei Projektoren gezeigt werden, ist es wichtig, dass sogenannte Überblendzeichen identifiziert und beschrieben werden, damit die Filmvorführer*innen wissen, wann von einem Projektor auf den anderen umgeschaltet werden muss. Diese Überblendzeichen können gelocht, aufgemalt oder einkopiert sein und unterschiedliche Farben und Formen haben, befinden sich aber zumeist im rechten oberen Eck des Bildes, für die Dauer von vier Einzelbildern, an genau festgelegten Punkten vor Ende einer Filmrolle.

Wenn solche Überblendzeichen fehlen, dann werden statt ihrer in der Vorbereitung vorübergehend spurlos entfernbare schmale Streifen eingeklebt, die denselben Zweck erfüllen.
 
Das Sammlungsgebäude, wo all diese Vorbereitungen gemacht werden, befindet sich im 19. Wiener Gemeindebezirk. Rund ein Viertel der Beschäftigten des Filmmuseums arbeitet dort an und mit der Filmsammlung, von inhaltlicher und technischer Untersuchung der Filme mit Katalogisierung und Konservierung über Verleih und Digitalisierung bis zu Restaurierung und Erschließung für Forscher*innen, Filmschaffende und befreundete Cinematheken.

Täglich bringt ein Fahrer des Filmmuseums die Filme für die Abendvorstellungen vom Sammlungsgebäude zum Kino in der Innenstadt.
 
Dem jeweiligen Abendpersonal, bestehend aus Projektionist*in und Saalregie, obliegt es dann, mit der Filmkopie und den vorliegenden Informationen aus der Kopienkontrolle die bestmögliche Projektion für das Publikum abzuhalten. Dazu spult der/die Projektionist*in jede Rolle von ihrem Plastikkern auf eine Projektionsspule.

Gemäß den Informationen auf dem Kopienbefund wird am Projektor das richtige Objektiv ausgewählt und das korrekte Tonformat am Verstärker eingestellt.

Eine Maske im Bildfenster des Projektors verhindert, dass die Tonspur und ungewollte Bildteile auf der Leinwand erscheinen, eine Kaschierung, die von der Saalregie so präzise wie möglich eingestellt wird, verdeckt den dadurch entstehenden Schatten und sorgt für eine scharfe Bildkante.
 
Nach einer kurzen Testprojektion von beiden Maschinen, spult der/die Projektionist*in den Film wieder auf Anfang und legt ihn zur tatsächlichen Vorführung in den Projektor ein. Alles ist nun bereit für den Saaleinlass und die Filmvorführung.

Am Tag nach der Vorführung kehrt die Filmkopie wieder zurück in das Sammlungsgebäude, wo die Kopie noch einmal dahingehend untersucht wird, ob sie auch ja keine neuen Schäden davongetragen hat, und allfällige Überblendzeichen wieder rückstandslos entfernt werden. Wenn keine Wiederholungsvorstellung angesetzt ist, wird der Film an seinen Platz im Filmlager zurückgebracht oder an die Leihgeber*innen retourniert, während die Archivar*innen in der Filmsammlung bereits die Filme der nächsten Tage für eine der mehr als 600 Vorstellungen im Jahr vorbereiten.
 
 
Kopienkontrolle: Florian Haag, Vanessa Scharrer Fahrer: Robert Czapla Vorführer: Franz Kaser-Kayer (Leitung), Mirjam Bromundt, Florian Kläger, Markus Maicher, Jan Pirker, Reinhard Sockel, Markus Zöchling Saalregie: Mirjam Bromundt, Helmut Erber, Georg Grigoriadis, Adrian Lindenthal, Reinhard Sockel, Pia Wurzer
 

Ausstellungsansicht

 
Guckkasten #3 (Foto: ÖFM / © Eszter Kondor)
Guckkasten #3 (Foto: ÖFM / © Eszter Kondor)

 
Weitere Materialien

 

Handgriffe: Der Umroller

 

 Handgriffe: Der Schneidetisch

 

Rückblick

Im Zuge von Renovierungsarbeiten an den Räumlichkeiten des Filmmuseums im Gebäude der Albertina im Sommer 2020, wurde ein kleiner Ausstellungsbereich geschaffen, der uns ab sofort die Möglichkeit bietet, spezifische Themen in neuer Form zu präsentieren.
 

Guckkasten #1: Gertie Fröhlich
Guckkasten #2: Amos Vogel